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Fritz Grohs
Text anlässlich seines Aufenthaltes in der Bogenvillya, 1993/1994 Brief aus Sri Lanka Mönche singen ihre Morgenmantras, demnach dürfte es gegen vier Uhr früh sein. Ich habe keine Ahnung, wie spät es ist. Sämtliche Uhren zeigen unterschiedliche Zeiten. Europäische, amerikanische, Sommer- und Winterzeit, Sri Lanka Zeit. Was soll's. Trotz der Sterne am Himmel ist es finster, doppelt finster scheint es, weil Stromausfall ist, und wenn man nicht schlafen will oder kann und lesen will ...Grillen zirpen, Hunde bellen, Ziegen meckern, Kühe muhen, Hähne krähen, Geckos gackern, Mönche singen. In der Nähe ist nämlich ein Tempel. Ich hatte die Mönche ja bisher immer in Verdacht gehabt, ihre bis herüber zu unserem Haus, der Bogenvillya, tönenden Gesänge kämen vom Tonband, so kräftig und regelmäßig, aber heute bei Stromausfall? Nun, sie könnten ein Notstromaggregat haben, mit dem sie ihren Kassettenrekorder betreiben. Oder aber auch selber singen. Mönche sind eine der zentralen Erscheinungen Sri Lankas. Mit ihren orangefarbenen, um den meist sehnigen Leib geschlungenen Baumwolltüchern, ihren kurzgeschorenen Haaren, und schwarzen Schirmen gegen Sonne wie Regen. Man sieht sie überall, auf den Strassen, den Märkten, Bahnhöfen, Bussen. Sie sind viel unterwegs. Sri Lanka gilt ja als Wiege des Buddhismus. In den öffentlichen Verkehrsmitteln haben die Mönche eigens für sie reservierte Sitzplätze, so wie bei uns die Behinderten. Jetzt haben sie aufgehört zu singen. Die Brandung rauscht durchs Fenster, vom keine hundert Meter entfernt liegenden indischen Ozean, der dieser Tage so stürmisch ist wie sonst zur Regenzeit, die in den Monaten Juni, Juli, August stattfindet. Zumindest hier, im südlichen Teil der Insel, wo wir uns befinden. Im Osten ist jetzt Monsun, also im Dezember. Aber auch hier bei uns ist für die Zeit überdurchschnittlich viel Niederschlag. Warmer Regen, der nie lang anhält, außer gestern, da war den ganzen Nachmittag Sintflut, und seither Stromausfall....... Ein Mönch hat uns auch schon gesegnet, fürs neue Jahr. Es war der Vorsteher des Natha Devala Tempels in Kandy, neben dem Dalada Maligawa Tempel, wo Buddhas Zahn aufbewahrt wird. Im Natha Devala, dem ältesten Gebäude Kandys, in dem früher auch die Krönungszeremonien der Könige stattfanden, hingegen geht es um Buddhas goldene Opferschale, die unter einer Dagoba, einem zwiebelartigen glockenförmigen Bauwerk eingemauert ist. Oder sein soll. Oder Genauer: Der Stifter des Tempels- einer der Singhalesenkönige, die Kandy zu Kolonialzeiten zur Hauptstadt gemacht hatten, indem sie sich einfach vor den vorrückenden Portugiesen, dann Holländern, dann Engländern immer weiter von der Küste ins Landesinnere zurückzogen, wo sie über Jahrhunderte praktisch Unbezwingbar waren, bis sie im Jahr 1815 freiwillig und wahrscheinlich zum beiderseitigen Vorteil sich den Engländern unterwarfen, die dem Land in der folge Kaffee- und Teeplantagen und Eisenbahnen und Golfplätze bescherten, hatte diesen Tempel mit zwei Dagobas ausgestattet, und unter einer davon soll sich die Opferschale befinden. Nur, um das herauszufinden, müsste man die Dagobas öffnen, und das hieße, sie zerstören, denn sie haben keine Tür oder sonst was. Jeder Tempel hat seine Dagoba, also eine Art Reliquienschein. Und Tempel gibt es viele im ganzen Land. Sie sind offen begehbare Strukturen, in denen man barfuß Ð schlendern kann, Opfergaben wie Geld oder Blumenblätter vor der Statue des Buddhas oder einer seiner Heiligen hinterlassend, und wenn man Glück hat wie wir am letzten Poyaday = Vollmondtag des Jahres 1993, dann führt einen ein kundiger alter Tempeldiener durch die Anlage und belebt den Ort mit allerlei Geschichten, wie derjenigen vom Kaninchen im Mond: Wenn man in den vollen Mond sieht, was erkennt man dann? Ein Kaninchen. Und wie kommt das Kaninchen in den Mond? Nun, das war so: Als Buddha im Zuge seiner insgesamt 550 Tierinkarnationen einmal als Kaninchen unterwegs war, fragten ihn die Menschen nichtsdestotrotz um Nahrungsmittel. Er aber antwortete, als Kaninchen könnte er ihnen nur Gräser offerieren. Als die Menschen darüber unzufrieden waren, bot er ihnen an, sie sollen Feuer machen, und er würde in das Feuer springen, auf dass sie bald darauf ein Grillhäschen verspeisen könnten, und die Menschen machten ein Feuer, und der Buddha/Hase setzte an zum Sprung, doch da ergriff ihn eine göttliche Hand im Flug und entriss ihn den Flammen und setzte ihn in den Mond. Der Mond spielt überhaupt einen große Rolle hier, speziell Vollmond. Vollmondtage sind Feiertage, unseren Sonntagen vergleichbar, die hier wiederum ganz normale Wochentage sind. Die 12 Poya-Days des Jahres sind arbeitsfrei, Ämter und Banken sind zu, es wird kein Alkohol ausgeschenkt, und es finden im ganzen land Prozessionen und Umzüge statt. Der Buddhismus ist eine fröhliche Religion, verspielt, chaotisch, provisorisch, so scheint es, und mit Versatzstücken angereichert, die einen an Spiele und Spielzeug aus der Kindheit erinnern. Die Farben, das Grellbunte, Comichafte der Bilddarstellungen, die Puppen, die Opfergaben, die Statuen des Buddhas und seiner Gehilfen und der hierzulande auch verehrten hinduistischen Gottheiten, wie etwa der vierarmige Elefantengott, der aussieht wie Babar. Die Poya-Nacht verbrachten wir auf dem Adam's Peak, oder Sri Pada, oder Sri Shiva, ja nach Glaubensbekenntnis. Ein 2300 Meter hoher Berg jedenfalls, der allen 4 Religionen, Buddhisten, Hindus; Katholiken und Moslems, als heiliger Berg gilt, und als Pilgerstätte. Der Legende nach hat hier der Prophet seinen Fuß auf die Erde gesetzt, und auf dem Gipfel ist um eine Einbuchtung herum, die wie ein Fußabdruck ausschauen mag, und deren Kopie sich in verschiedenen anderen Tempeln findet, ein Tempel errichtet worden. Und je nach Glaubensbekenntnis soll es sich, wie gesagt, um den Fußabdruck Adams, Buddhas, St. Thomas, oder Shivas handeln. Unser Aufstieg am 28.Dezember traf sich mit der Eröffnung der Pilgersaison, die vom Dezember bis Mai dauert, und dementsprechend bevölkert waren die unzähligen Stufen, die Ð umsäumt von kleinen Lichterketten und von Zeit zu Zeit Teehütten mäanderartig zum Gipfel führen, wo an diesem Morgen ein großes buddhistisches Opferritual stattfindet. Die Gläubigen schleppen mit Kind und Kegel, Sack und pack, oft barfuß oder nur mit Sarong bekleidet durch die empfindliche Kälte hier hinauf. Beim Heiligtum läutet man eine Glocke, man läutet für jedes Mal, das man schon hier gewesen ist, einmal. Manche Menschen zogen 21mal am Strick, eine 72-jährige Frau noch öfter. Es heißt, ein Aufstieg auf den Sri Pada, wie ihn die Buddhisten nennen (Sri = Der Erleuchtete; Pada heißt einerseits Berg, andererseits Schritt, also Fußabdruck) befreie einen von den Sünden, und man weiß erst nachher, was gemeint ist, wenn der Muskelkater vom 6-stündigen Stiegensteigen voll ausgebrochen ist. Wir lösten dieses Problem sehr komfortabel, indem wir nach dem Abstieg nach Kandy weiterfuhren (siehe auch oben: Natha Devala und Dalada Maligawa Tempel), ein Zimmer im Queens Hotel nahmen, und als erste den chinesischen Masseur zu uns baten, der uns kräftig durchknetete, bevor wir im Swimmingpool mit Blick auf einen riesigen beleuchteten weißen Buddha am Hügel am Stadtrand, ein paar Längen zogen, ehe wir uns in den Saal begaben, wo schon das Buffet mit Reis und Fisch und diversen Currys und Früchten auf uns wartete. Das Queens Hotel ist ein Relikt aus der britischen Kolonialzeit, ein altehrwürdiges Relikt, derer es einige gibt in den diversen Städten der Insel (zum Beispiel das "Galle Face" Hotel in der Hauptstadt Colombo, oder das älteste Hotel überhaupt, das 1860 errichtete "New Oriental" in Galle, das schon den Portugiesen als Amtssitz des Präfekten gedient hatte, als sie sich auf der Suche nach Zimt hier einnisteten). Die Mönche haben längst aufgehört zu singen, und es dämmert bereits ein wenig. Vom Nachbargrundstück hört man Waschgeräusche und Husten und einen Reisigbesen über den Sandboden gleiten. Immer kehrt irgendjemand in diesem Land. Draußen, hinten überm Ozean, an der Küste, am Strand, hinter dem Palmenwald, nähert sich das Dröhnen des Helikopters, der wieder eine Ladung Menschen beim nahegelegenen "Triton" Hotel absetzt. Immerhin ist es jetzt hier Sommer und Hauptsaison und das "Triton", ein neuer, vom singhalesischen Architekten Geoffrey Bawa errichtet und dessen Bruder Bewis Bawa den legendären botanischen Garten "Brief Bawa" im Landesinneren angelegt hat. Bewis Bawa ein ehemaliger Offizier der britischen Kolonialarmee, Lebemann und Autoliebhaber, der erst vor zwei Jahren gestorben ist und dessen Asche im Garten des Anwesens, das er seinen Dienern vermacht hat, unter einem der Erde zugewandten, unteren Seite polierten, nach oben hin unscheinbar aussehenden Stein vergraben ist, also dieses Triton Hotel ist fast so etwas wie ein neues Wahrzeichen der Region, ein von allen Seiten von uniformierten Wachposten abgeriegelter Komplex. Wer da vor wem beschützt wird ist nicht ganz klar, die Touristen vor den zeitweise ziemlich aufdringlichen Beachboys oder die Einheimischen vor den teilweise korrumpierenden Verhaltensweisen der Touristen. Die Bawa Brüder sind übrigens eigentlich keine Singhalesen, sondern Burgher, das heißt entspringen Mischehen aus Tamilen und Portugiesen. Und weil wir gerade dabei sind (wobei?): Hier in der Gegend heißen so gut wie alle Familien de Silva oder Perera, einst von den Portugiesen übernommene Namen, als die was weiß ich im 16.Jahrhundert hier eintrudelten und sich im Süden, in Galle festsetzten, ein Riesenfort auf einer vorgelagerten Kleininsel errichteten, das noch heute steht mit seinen dicken Mauern. Nun, jedenfalls dämmert es, die Touristen sind inzwischen schon in ihren Zimmern, der Helikopter längst wieder über alle heiligen Berge und Täler, Meere und Flüsse, Reisfelder, Gummibaum- Zimt-Tee- Kokospalmenplantagen, und mir legt mein Computer nahe, das bisher Geschriebene zu speichern und abzudrehen, da der Akku so gut wie leer ist (remember, Stromausfall!), und das tue ich auch, und dann werf ich mich in den Swimmingpool, und inzwischen sind auch schon ein paar andere wach im Haus, Sofi und Qirin und Cyril und Aruna und Ratta, und Ewa und Nanda und Romana wurden auch schon gesichtet und es scheint, als hätte dieser 6. Jänner 1994 allmählich begonnen. |