Die one world foundation erhielt den Dr. Karl Renner Preis 2003 - lesen Sie die Laudatio von Dr. Paul Leyen anlässlich der Verleihung des Preises am 28. Mai 2003.


Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrter Herr Stadtrat,

Vor zwei Jahren, im März 2001 sind 17 Menschen in einem Container an Bord einer Fähre über den Ärmelkanal erstickt und erfroren. Der Container war gut versiegelt, die Atemluft nach wenigen Stunden verbraucht. Die Menschen, zumeist jugendliche Männer, stammten aus Sri Lanka. Im Hochglanzprospekt "Fernreisen", finden wir unter der Bezeichnung "Perle des indischen Ozeans" wunderschöne Bilder einer friedlichen Insel namens Sri Lanka, mit Sandstränden und türkisblauem Wasser, üppiger Vegetation, faszinierenden Tempelanlagen, fröhlichen, bunt gekleideten Menschen. Was zum Teufel hat diese jungen Menschen dazu gebracht haben, ihr Paradies zu verlassen, ihre Ersparnisse einer Schlepperbande zu übergeben um dann - schlimmer als Vieh in einem illegalen Tiertransport - regelrecht zu verenden? Die schlichte Antwort lautet: KEINE ZUKUNFT!

Sri Lanka liegt abseits der globalen Kommunikationswege, hat keine geostrategische Bedeutung, keine Ölfelder, keine bedeutsamen Bodenschätze, keine nennenswerte Industrie, viel zuwenig Energie-Ressourcen. Weiterbestehende postkoloniale Strukturen sorgen dafür, dass die Einnahmen aus Tee- oder Gewürzproduktion zum Großteil an die Handelshäuser und Konzerne in London oder Amsterdam fließen. Sri Lanka ist halb so groß wie Österreich und hat fast dreimal so viele Einwohner, zwei Millionen drängen sich in der Hauptstadt. Colombo erinnert mittlerweile an die - für mich - schlimmste aller "Dritte Welt"-Metropolen, Manila: mit der ewigen Smog-Glocke über der Stadt, Müllberge mit Müllmenschen, Slums an der Peripherie, abgesperrte Ghettos für die Privilegierten.

Die Insel ist, hat man Colombo einmal hinter sich, von atemberaubender Schönheit und hätte alle Voraussetzungen für eine blühende Tourismus-Infrastruktur und sollte es eigentlich leicht mit Zielen wie Karibik, Mauritius oder den Seychellen aufnehmen. Wäre da nicht die Tatsache, dass das Land den Anschluss an die globalisierte Welt des 21. Jahrhunderts durch einen mörderischen 20 Jahre dauernden Bürgerkrieg schlicht verpasst hat. 20 Jahre mit weit über 100.000 Toten, ein Vielfaches an Verletzten, Verstümmelten, kaputten Familien, Vertriebenen, Verarmten, Minenfeldern, zerschossenen Dörfern, verlassenen Feldern - das ganze Elend, das Kriege zu hinterlassen pflegen. In dem Buch "The World's most dangerous places" ist Sri Lanka mit 33 anderen Ländern, darunter Afghanistan, Burundi, Tschtschenien und Somalia als Hochrisikoland klassifiziert - seit 20 Jahren.

Zusammen mit den Meldungen von Bombenattentaten, Überfällen, explodierenden Flugzeugen, Guerillakrieg im Dschungel, die immer wieder über die Agenturen gingen, erklärt das warum es bis 2002 einen nennenswerten Fremdenverkehr und daraus resultierende Einnahmen nicht gegeben hat. Kein Frieden, keine Sicherheit, keine Arbeitsplätze, keine Industrie, kein Tourismus, kein Einkommen, keine Bildung, zusammengefasst: keine Zukunft, keine Perspektive: das erklärt die Flucht aus dem Paradies und den Tod 17 junger Menschen mitten in der reichen EU.

Schauplatzwechsel, Mitte der achtziger Jahre: Kathrin Messner und Joseph Ortner haben es sich zur Aufgabe gemacht Kunst einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. "museum in progress" muss nicht näher beschrieben werden, es ist als Institution aus dem kulturellen Leben Europas nicht mehr wegzudenken, hat Furore gemacht, für Diskussionen gesorgt und zum Nachdenken angeregt. Mit der Gründung einer Stiftung, der "one world foundation" folgt ab 1985 ein soziales Projekt, wobei europäisches Kapital und Know-How in Bildung in der sog. "Dritten Welt" investiert wird und ein Dialog zwischen völlig unterschiedlichen Kulturkreisen ermutigt wird. Messner und Ortner wollten nicht nur hier wirken, sondern ihr im privilegierten Europa erworbenes Know-How einer unterprivilegierten Gesellschaft zukommen lassen: sie haben sich für Sri Lanka entschieden, was von einer gehörigen Portion Mut zeugt.

Die Stiftung hat in Wathuregama, einem Dorf ca. 70 km südlich von Colombo, schrittweise Grundstücke erworben, Schulhäuser gebaut und ein privates Gästehaus errichtet. Finanziert und ermöglicht wird der Schulbetrieb für 500 Kinder sowie zwei weitere kleine Schulen durch die Einnahmen dieses Gästehauses mit neun Zimmern und angeschlossenem Ayurveda-Zentrum. Das Schulprogramm: Unterricht für Kleinkinder, Englisch- und Berufs-Ausbildung, ein Schneiderei-Lehrgang und Computer-Ausbildung an mittlerweile zwölf Arbeitsplätzen. Das Interesse an diesen Kursen ist enorm und ihr Erfolg ist messbar: bisher haben alle Abgänger eine Anstellung gefunden. Aus den Mitteln dieses Preises können übrigens fünf LehrerInnen ca. ein Jahr lang beschäftigt werden.

2001 lernte ich im Zuge einer Reise nach Sri Lanka dieses ambitionierte Projekt kennen und meinte, dass die Kinder zwar hervorragend ausgebildet, aber in einem zum Teil katastrophalen gesundheitlichen Zustand seien - kein Wunder bei einer praktisch inexistenten medizinischen Versorgung. Mehr brauchte ich nicht zu sagen: Ich war plötzlich Teil der one world foundation und beauftragt eine medizinische Versorgung aufzubauen. Gesagt, getan: Behandlungsräume wurden gebaut und eingerichtet, eine medizinische Infrastruktur angeschleppt, Proben praktisch aller Körpersäfte der Kinder von mir nach Wien geschmuggelt und hier untersucht. Anhand der Resultate konnten die wichtigsten Medikamente - gesponsert übrigens von Wiener Pharmafirmen - herangekarrt werden. Mittlerweile kooperieren auch Prof. Stemberger und weitere Ärzte bei der gezielten Behandlung der Kinder v.a. bei Infektionskrankheiten.

Kathrin Messner betont immer wieder, dass es bei diesem Projekt nicht um Entwicklungshilfe geht - sondern um eine Investition in die Zukunft (oder wenn schon Entwicklungshilfe dann an interkulturell unterentwickelten Europäern) Die one world foundation ist der Prototyp eines sozial verantwortlichen Engagements im Tourismus. Wir sind uns bewusst, dass wir in einer Welt leben, die immer enger zusammenwächst und wir wissen, dass Reisen für die Menschen in den Industrienationen nahezu ein Grundbedürfnis geworden ist.

Wir wissen aber auch, dass Tourismus in den Ländern der so genannten "Dritten Welt" problematisch ist. Tatsächlich werden Entwicklungsländer von Multis mit weltweiten Hotelketten in neokolonialer Weise ausgenommen und die Gewinne fließen, wie in der Vergangenheit, ins gelobte Abendland. Deshalb fördern wir ein Konzept, das beiden Seiten hilft und auf gegenseitigem Verständnis aufbaut. Reisen bildet - im doppelten Sinn. Unsere Gäste erweitern ihren Horizont, lernen Toleranz in Kontakt mit der buddhistischen Tradition Sri Lankas mit und helfen gleichzeitig unseren Gastgebern, der Bevölkerung, ihr Bildungsniveau zu verbessern, um im aufgezwungenen globalen Konkurrenzkampf zu bestehen. Somit wird Reisen zu einem Prozess von Geben und Nehmen, ein faires Tauschgeschäft. Messner und Ortner sind derzeit wieder in Sri Lanka, wo sie - seit Jahren Pendler zwischen West und Ost - an ihrem Projekt weiterarbeiten und wirken, wie so oft, in aller Bescheidenheit im Hintergrund.

Die Länder der so genannten "Dritten Welt" sind nicht gottgewollt arm (sonst wäre das katholische aber bettelarme Haiti reich und nicht die benachbarten aber säkularen Bahamas ), auch nicht naturgewollt (sonst müssten die klimatisch und geographisch benachbarten Länder Australien und Papua-Neuguinea am gleichen Entwicklungsstand sein): nein, die Antwort auf diese Frage findet sich in den Geschichtsbüchern: das christliche Abendland hat diese Länder über vier Jahrhunderte systematisch und skrupellos geplündert, beraubt und versklavt, mit den gestohlenen Ressourcen seine industriellen Revolutionen finanziert und den Übergang von einer Bauern- in eine Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft ermöglicht. Generationen unserer Vorfahren waren an diesem Raubzug beteiligt und uns wohlhabenden Nachfahren bleibt die verdammte moralische Pflicht zumindest ansatzweise das Diebesgut mit Initiativen - nicht mit Almosen - zu ersetzen.

In diesem Kontext scheinen mir Ausländer-raus-Parolen nicht nur unpassend und zynisch; sie sind auch dumm denn sie entlarven ihre Sprecher als Ignoranten, die nichts von globalen Zusammenhängen verstanden haben. Dämme und Schutzwälle zu bauen und nicht nachzusehen woher und warum die Flut kommt, ist einfältig und löst kein Problem. Wenn auch unsere Kinder eine Chance und eine Perspektive haben sollen, braucht diese Welt meiner Meinung nach deutlich weniger Rumsfelds, Saddams, Cheneys, und Sharons, weniger österreichische Statisten auf der Xenophobie-Bühne, sondern deutlich mehr Messners und Ortners.


Im Namen der one world foundation, Kathrin Messner und Joseph Ortner, bedanke ich mich für diese Ehrung und für Ihre Geduld. Vielen Dank.